Geringswalde bewahrt sein Eisenbahnerbe
Geringswalde [ENA] „Vergessene Trassen, lebendige Erinnerung: Geringswalde bewahrt sein Eisenbahnerbe“ Während große Metropolen bereits von Eisenbahnlinien durchzogen wurden, lagen diese Orte abseits der großen Verkehrswege - wie vergessene Perlen in der sächsischen Landschaft.
Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Hoffnung in den kleinen sächsischen Städten Geringswalde und Hartha. Der Schuldirektor Rössel aus Hartha sagte 1879: „Die Menschen wollen nicht zurückbleiben, sie sehnen sich danach, Teil des großen Fortschritts zu werden.“ Und so wurde die Eisenbahnverbindung zum Herzensanliegen einer ganzen Generation. Zwischen 1870 und 1889 kämpften die lokalen Gewerbetreibenden mit bemerkenswerter Beharrlichkeit für ihr Ziel. Nicht weniger als 17 Eingaben richteten sie an die sächsischen Staatsregierungen und Landtagskammern. Jede Petition war ein Hoffnungsschimmer, jedes Gesuch ein Schritt näher den Traum von einer Eisenbahnverbindung wahr werden zu lassen
Der Geringswalder Gewerbeverein war dabei der Vorreiter. Im November 1881 reichte er eine Petition ein, um eine Bahnverbindung zwischen der Chemnitz-Riesaer- und der Muldentalbahn zu erreichen. Hartha zog schnell nach und unterstützte das Projekt. Die Behörden waren zunächst zögerlich. Die Erste Kammer lehnte das Anliegen ab, während die Zweite Kammer es immerhin zur Berücksichtigung empfahl. Doch die Lokalpolitiker gaben nicht auf. Ende 1882 erließ das Sächsische Finanzministerium eine Verfügung, Untersuchungen über die Verkehrsverhältnisse anzustellen.
Von Leisnig aus wurden Güterverkehrsuntersuchungen durchgeführt, und die Hoffnung wuchs. Das „Geringswalder Wochenblatt“ schrieb voller Optimismus von den Aussichten einer Sekundärbahn, die Waldheim, Hartha, Geringswalde und Rochlitz verbinden sollte. Und tatsächlich: Am 06. Dezember 1893 wurde die Bahnlinie eingeweiht. Ein Triumph der Beharrlichkeit, ein Sieg des lokalen Gemeinsinns über bürokratische Hürden. Die Städte waren nicht mehr abgeschnitten, sondern Teil des großen Fortschritts. Der Schuldirektor Rössel aus Hartha hatte Recht behalten: Sie wollten nicht zurückbleiben, und sie hatten gekämpft - für eine Zukunft, die nun mit Dampf und Rädern in ihre Städte kam.
Von der Schiene zum Radweg: Ein Jahrhundert Wandel Nach der politischen Wende im Jahr 1989 erlebte das Land tiefgreifende wirtschaftliche Veränderungen. Eine der spürbarsten Folgen war der zunehmende Rückgang der Eisenbahn als Transportmittel. Der einst florierende Expressgutverkehr, der Jahrzehnte lang Waren schnell und zuverlässig von A nach B brachte, geriet ins Stocken. Immer mehr Transporte wurden von der Schiene auf die Straße verlagert, was nicht nur die Verkehrslandschaft, sondern auch die lokale Wirtschaft tiefgreifend veränderte.
In den Kleinstädten Geringswalde und Hartha war dieser Wandel besonders deutlich spürbar. Anfang des Sommers 1991 kam es hier zu einem einschneidenden Ereignis: Der Expressgutverkehr der Bahn wurde eingestellt. Die einst lebendigen Bahnhöfe, die das Rückgrat des lokalen Gütertransports bildeten, begannen zu verwaisen. Die Transportpolitik, die den Straßen den Vorzug gab und der Rückgang der industriellen Produktion in der Region ,verstärkten den Niedergang weiter.
Eine Strecke mit Geschichte, die seit 100 Jahren die Menschen und Industrien der Region verbunden hatte, verfiel langsam in die Bedeutungslosigkeit. Bis zum Jahr 1998 war das Schicksal besiegelt: Die Bahnstrecke wurde endgültig stillgelegt. Ein leiser Abschied für eine Verbindung, die so viele Geschichten transportiert hatte. Doch das Ende der Gleise war nicht das Ende der Geschichte. Jahre später wurde die Trasse der ehemaligen Bahnstrecke zu einem Radweg umgestaltet. Wo einst Züge schnaufend über die Schienen rollten, fahren nun Radfahrer gemütlich durch die Landschaft. Der Bahnhof von Geringswalde, einst pulsierender Knotenpunkt des Transports, findet derzeit eine neue Bestimmung.
Diese Geschichte zeigt, wie tiefgreifend gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen die Landschaft und das Leben der Menschen prägen können. Gleichzeitig ist sie ein Beispiel dafür, wie aus dem Ende einer Ära Neues entstehen kann – ein Radweg, der die Region verbindet, der nicht nur Geschichte, durch die am Wege befindlichen Eisenbahnrelikte bewahrt, sondern ebenso neue Geschichten schreibt. Unser Dank gilt der Stadtverwaltung Geringswalde sowie der Firma "Klefenz- Gleis- und Tiefbau" aus Waldshut im Schwarzwald für die Bereitstellung des Gleisabschlusses. Quelle: Deutsche Reichsbahn; Reichsbahndirektion Dresden "100 jähriges Streckenjubiläum Waldheim- Rochlitz (Sachs)" Text: G.Kaap Fotos: privat




















































