Wenn die Wüste denken lernt
Leipzig/Berlin [ENA] Während im Silicon Valley die Stromrechnungen durch die Decke schießen und europäische Rechenzentren um jedes Megawatt ringen, macht sich Saudi-Arabien die brennende Sonne des Roten Meeres zunutze.Was nach einem kühnen Traum klingt, ist längst Realität:
Das Königreich positioniert sich als kommende Supermacht der künstlichen Intelligenz – nicht trotz, sondern wegen seiner Wüste. 50 Quadratkilometer Solarfläche bei Al Shuaiba, zwei Autostunden südlich von Dschidda. Hier, wo der Sand glüht und die Hitze flimmert, entsteht eine Infrastruktur, die das globale KI-Geschäft umkrempeln könnte. 600 Megawatt Solarstrom zu Kosten, die einem Zwanzigstel dessen entsprechen, was ein britisches Atomkraftwerk liefern würde – das ist die schiere Rohgewalt des Standortvorteils.
Die Rechnung ist simpel wie brutal: KI-Inferenz kostet Geld in zwei Kategorien. Hardware – dort zu sparen wäre dumm, denn die teuersten Chips sind auch die effizientesten. Bleibt der Strom. Und genau hier setzt Saudi-Arabien den Hebel an. „Wir sind nicht nur losgelaufen, sondern haben einen Sprint hingelegt“, sagt Tareq Amin, der Chef von Humain, dem neuen staatlichen KI-Champion. Sprint ist Untertreibung. Es ist ein Wettlauf gegen die eigene Geschichte.
Vision 2030 – so nennt sich das Projekt, mit dem sich das Königreich von der Ölabhängigkeit lösen will. Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MBS, hat es zur nationalen Priorität erklärt. Für Amin, einen in Jordanien geborenen Infrastruktur-Veteranen mit Erfahrung bei indischen und japanischen Telekommunikationsgiganten, gibt es keinen Plan B. „Das größte Risiko ist, die Vision innerhalb der verfügbaren Grenzen umzusetzen“, sagt er. „Wir müssen das tun.“ Die Grundvoraussetzungen stimmen. Rechenzentren brauchen Strom, Fläche, Chips.
Saudi-Arabien hat die ersten beiden im Überfluss. Innerhalb von zwei Wochen identifizierte Humain über 200 potenzielle Standorte mit Zugang zu 15,6 Gigawatt – vier davon groß genug und nah genug an Solarquellen. Bei einem Land, das größtenteils aus Wüste besteht, sind Baugenehmigungen mit Rückenwind der Regierung Formsache. Die Chips waren komplizierter. Der erste Deal: 1,5 Milliarden Dollar für Halbleiter von Groq, einem Spezialisten für Inferenz-Chips.
Nicht die flexibelsten, aber perfekt geeignet, um Tokens – diese winzigen Wortfragmente, aus denen KI-Antworten zusammengesetzt werden – kostengünstig zu produzieren. Humains Geschäftsmodell ist so einfach wie verführerisch: Lauft eure KI-Modelle mit unserem billigen Wüstenstrom, verkauft die Output-Tokens zum halben Marktpreis. Der November brachte den Durchbruch. MBS reiste nach Amerika, traf Trump, und plötzlich durften 35.000 Nvidia-Spitzenchips im Wert von einer Milliarde Dollar ins Land. Eine bemerkenswerte Kehrtwende, nachdem Washington diese Technologie bisher nur engsten Verbündeten vorbehalten hatte. Kurz darauf: Ein 3-Milliarden-Dollar-Vertrag mit AirTrunk für einen ganzen Rechenzentrumscampus.
Aber Saudi-Arabien baut nicht nur – es nutzt. Allam, ein arabischsprachiges KI-Modell, entwickelt mit der staatlichen Datenbehörde SDAIA, läuft bereits in Regierungsbüros. Adobe integriert es in seine Anwendungen. Das sind keine Luftschlösser mehr, sondern Fakten. Derar Saifan von PwC prognostiziert: In fünf bis sieben Jahren wird Saudi-Arabien zu den fünf führenden KI-Zentren weltweit gehören. Amin selbst denkt schon weiter. Er spricht vom „weltweit ersten KI-Betriebssystem für Unternehmen“ – ein direkter Angriff auf Microsoft Windows, wo Personalabteilungen, Buchhaltung und Rechtsabteilungen durch KI-Agenten ersetzt werden und Chatbots die Maus verdrängen.
Utopie? Vielleicht. Aber Amin schläft schlecht. „Ich kann meine Zeitpläne nicht verschieben“, sagt er. „Ich unterschätze die Aufgabe nicht.“ Die Wüste, jahrhundertelang Symbol für Leere und Stillstand, könnte bald das Gehirn der digitalen Welt beherbergen. Ausgerechnet dort, wo einmal Öl das schwarze Gold war, entsteht ein neues Imperium – eines, das mit Sonnenlicht und Silizium gebaut wird.Bitte gib noch die Originalquelle des Textes an auf der der neue Text beruht. Der Text beruht auf einer Veröffentlichung in: Onlineformat „The Economist“ vom 17.12.2025




















































